audiophile röhren-kombi im miniaturformat: nagra pl-l und 300p

Verfasst am 21. August 2011

Nagra? Moment mal, waren das nicht die mit den kompakten High End Bandmaschinen für Reporter oder selbigen in Miniaturausführung für Spione vor zig Jahrzehnten? Und stammt von denen nicht auch die Verschlüsselungstechnik Nagravision? Ist Nagra nicht auch im Profibereich eine anerkannte Marke? Ja genau, aber Nagra hat sich seit langer Zeit auch im High End HiFi Bereich einen Namen gemacht.

Die neue Röhren-Endstufe 300p sollte wie Nagras andere High End Gerätschaften natürlich im gewohnten und an die alten Bandmaschienen angelehnten Design daherkommen. Aufgrund der sehr kompakten Grundfläche von gerade mal 277 x 275 mm dürfte das für die Ingenieure eine ziemliche Herausforderung gewesen sein, denn eine kleinere Push-Pull-300B-Stereo-Endstufe habe ich bisher jedenfalls noch nirgends gesehen. Warum die Wahl auf ein Push-Pull-Konzept fiel ist auch nicht weiter verwunderlich, so ist die 300B nicht grade das, was man als ein Leistungswunder bezeichnen möchte. Mit zwei 300B’s pro Kanal liegen solide 20 Watt Leistung an, damit dürfte die Lautsprecherwahl etwas weniger schwer ausfallen. Ein hoher Wirkungsgrad und ein möglichst linearer Impendanzverlauf sollte Lautsprecherseitig aber in jedem Fall gegeben sein.

Die Eingangs- und Treiberstufen des 300p sind in Halbleitertechnik ausgeführt, denn für weitere Röhren hätte es auch bei viel Wohlwollen keinen Platz bei dieser kompakten Röhren-Endstufe gehabt. Daher handelt es sich um einen Hybrid-Endverstärker, der Röhren und Halbleitertechnik kombiniert. Und bei Nagra’s Fertigungs- und Bauteilequalität kann man auch als Röhren-Liebhaber damit problemlos glücklich werden. Die Halbleitertechnik sorgt hierbei auch für einen gewissen Komfort, denn man sonst in Kombination mit einer derart alten Röhre nicht kennt. So dient das Analogmeter – Nagras “Modulometer” – nicht nur zur Einstellung und Kontrolle des Ruhestroms sondern auch für die Aussteuerungsanzeige.

Ein Klirr von gerade mal 0,8 Prozent ist für eine Trioden-Endstufe schon ein Wort – absolut beeindruckend und wohlverstanden ohne Gegenkopplungsschleife! Nicht minder beeindruckend ist der Geräuschspannungsabstand von 105 dB. Ausgangsseitig bietet der abnehmbare (!) Ausgangsübertrager neben 4- und 8- sogar 16-Ohm-Anschlüsse. Die Qualität der Ausgangsübertrager ist wie bei allen Röhrenverstärkern absolut massgebend für den Klang: Nagra hat sich deswegen auch hier nicht lumpen lassen und fertigt die je vier Kilogramm schweren Ringkern-Übertrager im eigenen Hause. Eingangsseitig werden sowohl XLR als auch RCA-Anschlüsse geboten, deren Steuerung durch Relais erfolgt. Gleich dahinter folgen – wenn wunderts – Präzisions-Operationsverstärker und – da es sich hierbei um ein Hybridkonzept handelt – wird das Signal von Hochvolt-Treibertransistoren übernommen. Damit die 300B Trioden so gut klingen, wie sie können, hat Nagra auch bei der Stromversorgung nicht gekleckert, sondern geklotzt: Die Anodenspannung wird von zwei Kondensatoren sichergestellt, welche eine beeindruckende Kapazität von 1800 Mikrofarad vorweisen. Ganze 14 Sekundärspannungen besitzt der Netztrafo. Und für die Betriebssicherheit ist dank einer Mikroprozessor-Schutzschaltung jederzeit gesorgt: So kann z.B. auch ein viel zu hoher Ruhestrom den Röhren nichts anhaben, da sich in so einem Fall der Verstärker sofort ausschaltet. Nagra wollte natürlich auch bei der Aufstellung dieser Röhren-Pretiose nichts dem Zufall überlassen und liefert beim Endverstärker die Nagra VFS (Vibration Free Support) – eine schwimmende Basis für den Röhrenverstärker – gleich mit!

Nagra PL-L - fotografiert an der High End Swiss 2010 in Regensdorf

Für die Vorverstärkung hat Nagra auch gleich die passende Antwort parat: Den Nagra PL-L – eine voll fernbedienbare Röhren-Vorstufe für Hochpegel-Signale mit externem Netzteil. Dass auch dieses Gerät ein klanglicher Traum und im Nagratypischen Design für die Ewigkeit gebaut ist, versteht sich von selbst.

Nach all dem Technik-Blabla stellt sich die alles entscheidende Frage: Wie klingt’s?  Ich selber durfte Gerätschaften von Nagra bereits einige Male an verschiedenen Fachmessen hören und bestaunen und kann nur bestätigen, was in den diversen Tests der Fachpresse zu lesen ist: Weder von der Vor- noch von der Endstufe wird die Musik schön gefärbt, sie wird ganz einfach durchgereicht in all ihrer Schönheit, mit allen Feinheiten und mit gnadenlos tiefen Bässen, wenn es dann nötig ist.

Der Röhren-Endverstärker – der Nagra 300p – wechselt für 14’250 Euro den Besitzer, die VFS-Basis ist beim Endverstärker bereits enthalten. Den dazu passenden Röhren-Vorverstärker Nagra PL-L gibt für 9’200 Euro, die optionale VFS-Basis dazu für 1’490 Euro.

Einen interessanten und ausfühlichen Test der Röhren-Vor- und Endverstärker Kombi Nagra PL-L und 300p gibts in der image hifi Nr. 100.

Hier gehts zur Hersteller-Website von Nagra.